Lange Zeit waren die Menschen in Deutschland oft verwirrt über die Vielzahl der von Bundesland zu Bundesland unterschiedlichen Regelungen im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Doch ab diesem Montag wird alles anders sein. Wer ab sofort ein geschlossenes Restaurant oder Café besuchen, ins Kino oder Schwimmbad gehen oder Angehörige in einem Krankenhaus oder Pflegeheim besuchen möchte, muss entweder vollständig geimpft sein, also zwei Dosen, oder eine Genesung von einer Covid-19-Erkrankung bestätigen.
Einige Bundesländer, etwa Berlin, haben die neuen Regelungen bereits seit vergangenem Freitag weitgehend umgesetzt, während Niedersachsen versprochen hat, am Dienstag damit zu beginnen. Von nun an wird es für diejenigen, die sich aus irgendeinem Grund noch nicht für eine Impfung entschieden haben, noch komplizierter. Sie benötigen einen negativen Corona-Test, der nicht älter als 24 Stunden sein darf.
Und wer seinen Urlaub im Hotel ohne Impfungen und Genesung verbringen möchte, muss diesen Test alle drei Tage wiederholen. Ein großer Aufwand für diejenigen, die noch nicht geimpft sind.
Das Bäckerei-Experiment
Doch wie wird die neue Regelung, treffend „3G-Regel“ genannt, umgesetzt?
Eigenes Experiment in einer Bäckerei mit Café am Montag in Berlin-Steglitz. In der Jungen Bäckerei gibt es nur wenige Gäste, überwiegend ältere Menschen. Die Verkäuferin fragt tatsächlich höflich, ob sie den Test oder Impfpass sehen könne. Sie muss sich lediglich das digitale EU-Zertifikat „CovPass“ ansehen. Alle Kunden, die vor und nach mir in der Schlange standen, wurden von ihnen geimpft oder getestet.
Es scheint, dass sich alle an die neue Situation gewöhnt haben. Darüber hinaus bittet das Café höflich darum, sich auf der in Deutschland weit verbreiteten Luca-App zu registrieren. Zur Nachverfolgung eventuell notwendiger Kontakte.
Bund und Länder befürchten mit den neuen Corona-Verordnungen zwei Dinge: Selbst wenn die Infektionszahlen wieder steigen, sollten Lockdowns wie im vergangenen Herbst unbedingt verhindert werden.
Zumal anders als vor einem Jahr 64,1 Prozent der Menschen in Deutschland mindestens einmal und 59 Prozent vollständig geimpft seien, teilte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Montag mit. Auch die beiden Kanzlerkandidaten von CDU/CSU und SPD, Armin Laschet und Olaf Scholz, machten am Wochenende deutlich, dass es zumindest für vollständig Geimpfte und Genesene keine weitere Isolation geben wird, auch wenn die Infektionszahlen steigen.
Politik und Regierung üben offen Druck auf Menschen aus, die noch nicht geimpft sind.
Impfraten noch zu niedrig, um eine Herdenimmunität zu gewährleisten
Um eine Herdenimmunität zu erreichen, sollte laut Virologen je nach Altersgruppe eine Impfquote von 85-90 % erreicht werden. Das Impftempo hat in letzter Zeit etwas zugenommen, wohl auch, weil sich die neuen „3G-Regeln“ herumgesprochen haben.
Die Zahlen zur Herdenimmunität liegen jedoch noch in weiter Ferne. Gleichzeitig steigen die Infektionszahlen wieder an, insbesondere nach Öffnung der Schulen nach den Ferien und Reiserückkehrern.

Die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Menschen innerhalb von sieben Tagen, die sogenannte Inzidenz, stieg am Montag auf 56,4. Das ist deutlich weniger als im Frühjahr, als die Regierung bei einer Fallzahl von 160 die Notbremse zog und zahlreiche Einschränkungen anordnete. Sie liegt aber auch höher als noch vor einigen Wochen, als die Inzidenz teils einstellige Werte erreichte.
In manchen Städten, etwa Leverkusen, liegt die Zahl wieder bei rund 200. Die Pandemie dauert also weiter an, auch wenn viele Menschen geimpft sind.
Tests bald nicht mehr kostenlos
Als die Regierung zu Beginn des Sommers die harte Notbremse lockerte, beschloss sie gemeinsam mit den Ländern, dass ab dieser Woche neue „3G-Regeln“ gelten sollen.
Ab dem 11. Oktober wird der Druck, sich impfen zu lassen, noch einmal steigen: Die Menschen müssen dann für die bisher kostenlosen Schnelltests oder den deutlich sichereren PCR-Test bezahlen. Ein PCR-Test kostet zwischen 35 und 50 Euro, für einen Schnelltest verlangen Flughäfen teilweise 69 Euro. Wer künftig als Ungeimpfter am gesellschaftlichen Leben teilnehmen will, muss tief in die Tasche greifen.
Ausgenommen sind Schwangere, Kleinkinder oder Personen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können.
Spahn: Die Inzidenz hat ausgedient
Geimpft und Genese hier, Ungeimpft dort: Die Regierung will die Corona-Politik in Deutschland völlig auf ein neues Fundament stellen.
Der Inzidenzwert sollte als wichtigstes Instrument aus dem Infektionsschutzgesetz gestrichen werden. Lange Zeit wurden Beschränkungen unterschiedlicher Schwere ab 50, dann 100 und mehr Fällen verhängt.Minister Jens Spahn sagte in Berlin, dass dieser Wert aufgrund der großen Zahl der Geimpften nicht mehr von Bedeutung sei. Konkret: Wer sich trotz Impfung ansteckt, verläuft in der Regel, wenn überhaupt, in einem milden Krankheitsverlauf und stellt für Krankenhäuser keine große Belastung dar.
Die Bundesregierung will daher, dass die Belastung der Kliniken und nicht die offiziellen Infektionszahlen zum Maßstab für eine Verschärfung der Corona-Politik werden.